Der Zauberer

 

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Der Zauberer von Long Siddale

Es war einmal ein Mann, der hieß Doktor Lickbarrow, der lebte in Long Siddale in Westmoreland. Es war dies ein kleines Tal, und jeder kannte Doktor Lickbarrow, aber die Leute mochten ihn nicht, denn merkwürdige Dinge trugen sich auf seinem Hof zu. Der Doktor war jähzornig, und wenn er die Kinder unter seinen dichten schwarzen Augenbrauen hervor ansah, bekamen sie es mit der Angst zu tun und rannten um ihr Leben. Die Knechte und Diener hatten Angst vor ihm, und wenn er vorbeiging, winselten die Hunde und schlichen mit eingezogenem Schwanz davon.

Alles war seltsam an Doktor Lickbarrow. »Das kommt, weil er ein Zauberer ist«, tuschelten die Leute hinter seinem Rücken. Zauber oder nicht, eines schönen Tages im September beschloss Doktor Lickbarrow, zur Kirche zu gehen. Niemand setzte sich neben ihn, und die Gemeinde kümmerte sich ebenso wenig um ihn wie der Pfarrer.

Der Gottesdienst verlief wie gewöhnlich, bis sich plötzlich ein fürchterlicher Sturm erhob, der so laut heulte, dass niemand mehr ein Wort von dem verstand, was der Pfarrer predigte. Die Dachziegel stürzten herab, und die Zweige der Bäume wirbelten durch die Fenster herein. Die Leute vergingen fast vor Angst und Schrecken. Nicht so Doktor Lickbarrow. Er stand auf, schritt gelassen durch den Mittelgang zum Kirchenportal und machte sich dann auf den Weg nach Hause. Ihm war klar, dass der Teufel etwas mit dem Sturm zu tun hatte. Es war ein Wunder, dass er auf dem Heimweg nicht erschlagen wurde, denn die Bäume wurden auf beiden Seiten der Straße umgerissen, und herabstürzende Äste wirbelten ihm nur so um den Kopf.

Er aber schritt unverdrossen seines Weges, schwang seinen Stock und summte vor sich hin, als ob ihn all das nicht kümmere. Am Tor seines Gehöfts kam ihm einer seiner Knechte entgegengerannt. Er war außer Atem, seine Kleider waren mit Dreck bespritzt und tropfnass. Der arme Kerl zitterte vor Angst.

»Nun, was gibt's Neues?« fragte der Doktor. »Je nun, Herr, eine ganze Menge. Die Kuh hat mich in den Mist geworfen, die Ziege hat mich in den Teich gestoßen, und die Hunde und Katzen jaulen plötzlich alle wie toll...!«

In eben dem Augenblick stob eine ganze Rotte Katzen vorbei, mit gesträubtem Fell und offenen Mäulern. Ihnen fegte eine aufgeplusterte Henne hinterdrein, und dann kam ein Schwein, das quiekte und über seine eigenen Füße stolperte. »Der Teufel muss hier gewesen sein. Dacht ich mir's doch«, sagte der Doktor und lief eilig ins Haus.

Sein Zauberbuch verwahrte Doktor Lickbarrow im Salon. Es lag angekettet auf dem Schreibtisch, damit es niemand fortnehmen und Unheil damit anrichten konnte. Er schaute in das Zimmer und sah seinen Gehilfen, einen jungen Burschen, der das Buch aufgeschlagen hatte und mit gesträubten Haaren davorstand, unfähig vor Angst und Schrecken, auch nur einen Schritt zu tun. Seine Hand war an der Buchseite wie festgeklebt. Der Doktor warf einen Blick auf das Blatt, das der Junge aufgeschlagen hatte, und las: Wie man den Teufel beschwört. Ohne ein Wort zu sagen, packte der Doktor den Burschen und warf ihn zur Tür hinaus. Dann nahm er das Buch und versuchte, es zuzuklappen. Dazu bedurfte es großer Anstrengung, denn das Buch schien wie zum Leben erwacht. Im Kamin hatte das Feuer einen blauen Schein, und gleich darauf gab es eine Explosion, die den Raum mit Rauch erfüllte. Es roch nach Pech und Schwefel. Ein Heuschober flog draußen am Fenster vorbei, und im ersten Stock sausten Dachziegel durch die Zimmer.

Endlich gelang es dem Doktor, das Buch zu schließen. Sofort trat Stille ein. Der Heuhaufen ließ sich draußen wieder auf dem Platz nieder, an dem er gestanden hatte. Die Hühner hörten auf, aufgeregt zu gackern. Die Tiere, die mit den Beinen nach oben wie gelähmt im Dreck gelegen hatten, erhoben sich wieder. Der Teufel war fort, der Sturm vorbei.

Der Teufel zeigte sich danach lange Zeit nicht mehr, aber der Gehilfe des Doktors ging fort, um sich nach einer Stelle umzusehen, wo das Leben weniger gefährlich war als in diesem Haus.