Der alte Adam

 

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Der alte Adam

An einem Sommertag, an dem es sehr heiß war, ward einem Knecht aufgetragen, den Garten seines Herrn umzugraben. Was blieb dem Mann anderes übrig, als zu gehorchen. Er machte sich also an die Arbeit. Von Zeit zu Zeit aber blieb er stehen, wischte sich den Schweiß von der Stirn und schimpfte zum Gotterbarmen vor sich hin, dass er all diese Schinderei nur dem alten Adam zu verdanken habe, der sich von Eva mit dem Apfel verführen ließ. Wären sie nicht wegen ihres Sündenfalls aus dem Paradies vertrieben worden, könnten die Menschen noch heute dort glücklich und ohne Plackerei und Arbeit leben.

Das Fluchen und Schimpfen drang nach einiger Zeit auch an das Ohr dessen, der Herr dieses Knechtes war. Da trat er zu ihm und sprach: »Warum beschimpfst du Adam? Ich wette jeden Preis, du hättest nicht anders gehandelt als er.« »Von wegen«, antwortete der Knecht, »ich hätte der Versuchung widerstanden.«

»Das wollen wir doch sehen«, sprach der Herr und lud den Knecht zum Essen ein.

Zur verabredeten Zeit erschien der Knecht, und der Bauer führte ihn sogleich in eine Stube, wo ein reichlich gedeckter Tisch stand. Alles, was man sich an Speisen und Ge­tränken nur denken konnte, war vorhanden, und dem hungrigen Knecht lief das Wasser im Mund zusammen. »Von all dem kannst du essen, soviel du willst«, sagte der Bauer zu seinem Knecht, »nur die verdeckte Schüssel in der Mitte sollst du nicht anrühren, solange ich nicht dabei bin.« Darauf ging er aus dem Zimmer. Der Knecht wartete nicht lange. Er setzte sich an den Tisch und begann mit gutem Appetit von all den leckeren Speisen und Getränken zu kosten, die man ihm da aufgetischt hatte.

Als er so satt war, dass er keinen Bissen mehr hätte essen mögen, und der Bauer immer noch nicht zurückgekommen war, begann die verdeckte Schüssel seinen Blick wie magisch anzuziehen. »Was mag nur in dieser Schüssel sein«, überlegte er.

»Warum soll ich die Schüssel nur öffnen, wenn der Bauer dabei ist?« fragte er sich.

»Ich brauchte ja«, fuhr er bei sich fort, »das Tuch, mit dem sie abgedeckt ist, nicht ganz aufzuheben. Nur einen Spalt... und ich würde sehen, was in der Schüssel ist.« Nun, schließlich juckte ihn seine Neugierde so in den Fingerspitzen, dass er nicht mehr an sich halten konnte. Vorsichtig hob er einen Zipfel des Tuches an. Heraus sprang eine Maus. Der Knecht wollte sie fassen, aber sie entwischte ihm hinab auf den Fußboden. Er wollte sich über sie stürzen, aber die Maus war wendiger und flinker als er. Bei der Jagd nach der Maus warf er Stühle und Tische um, und schließlich kam, angelockt von dem Lärm, der Bauer wieder ins Zimmer.

»Siehst du«, sagte er und drohte lachend dem Knecht mit dem Finger, »an deiner Stelle würde ich in Zukunft nicht mehr so laut über den alten Adam und seinen Fehler schimpfen.«